„Menschen brauchen Kümmerer!“ – Interview mit Thorsten Hoffmann

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Thorsten Hoffmannvon André Krause

In der dunklen, kalten Jahreszeit sehnt sich der Mensch in der Regel nach Wärme. Wer es natürlich mag, bevorzugt knisternde Kaminfeuer. Wer es auch noch politisch mag, kombiniert eine behagliche Atmosphäre mit grundsätzlichen Gesprächen. Als ich am frühen Nachmittag den Holzrichterweg erreichte, fürchtete ich jedoch, dass das vorweihnachtliche Kamingespräch ins Wasser fallen könnte – und dies lag nicht am einsetzenden Nieselregen. Auch wenn Thorsten Hoffmann (51) auf seinen aktuellen Info-Flyern zahlreiche Kontaktmöglichkeiten angibt, ist er im realen Leben für Ortsunkundige bei der ersten Begegnung nämlich gar nicht so leicht zu finden. Aber ein paar geübte Pfiffe des CDU-Bundestagskandidaten navigierten mich letztendlich doch noch zum vereinbarten Treffpunkt. Dort erwartete mich zwar leider kein flammender Kamin, wohl aber Thorsten Hoffmanns Lebensgefährtin Anja. Hinzu gesellten sich 2 Boston Terrier und 1 Cocker Spaniel. Ich erfuhr nach einem herzlichen Empfang, dass die Kinder des Hauses unterdessen beim Sport weilten. Bei Kaffee und Schokolade blickten wir schließlich in einem lebendigen Gespräch nicht nur zurück auf das Jahr 2012, sondern auch voraus in die Zukunft.

Herr Hoffmann, am Ende eines Kalenderjahres schaut man immer gerne in den zeitlichen Rückspiegel. Ich schlage vor, dass wir dieser Tradition folgen: An welchen Moment im Jahre 2012 denken Sie besonders gerne zurück?

Thorsten Hoffmann: Ich denke spontan an die Wiederholungswahl in Dortmund. Mir ist es gelungen, mein gutes Wahlergebnis aus dem Jahre 2009 noch zu steigern und dieses Mal sogar mit über 50 % der Stimmen wieder direkt in den Rat der Stadt einzuziehen.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Wahlkampf?

Ich habe meinen Einsatz aus dem vorherigen Wahlkampf noch einmal intensiviert. Ich war täglich auf der Straße und habe viele Haus-zu-Haus-Besuche abgestattet. Wenn ich daran zurückdenke, schießen mehrere Bilder durch meinen Kopf. Ich denke dabei vor allem an eine junge Frau, die an einem besonders heißen, schweißtreibenden Tag in der Klöcknerstraße Mutterboden in einen Container schaufelte. Ich habe zu ihr gesagt: „Geben Sie mir mal die Schüppe. Ich helfe Ihnen. Aber nur unter einer Bedingung (schmunzelnd): Sie müssen die Schüppe mit meinem Kandidatenflyer tauschen!“ Das hat sie dann zu meiner Freude nach getaner Arbeit auch gemacht.

 Welchen Moment möchten Sie am liebsten vergessen?

 Da muss ich nicht lange nachdenken: Der Moment, in dem ich begriff, dass meine Fraktion fünf Mandate einbüßen würde. Ich bin ganz offen: Damit habe ich nicht gerechnet.

 Womit erklären Sie rückblickend betrachtet diese Verluste?

 Es ist uns als CDU offenkundig nicht gelungen, deutlich zu machen, warum es überhaupt zu einer Wiederholungswahl gekommen war.

 Dortmund galt einst als „Herzkammer der Sozialdemokratie“. Glauben Sie, dass Sie Ihren Wahlkreis trotzdem gewinnen können?

 Ja, das glaube ich. In Hombruch bin ich mittlerweile kein Unbekannter mehr. Auch meine Lebenspartnerin macht in Lütgendortmund bzw. Dorstfeld, wo sie als Bürgerin fest verwurzelt ist, viel Werbung für mich. Seit Oktober habe ich mit meinen Mitstreitern zudem schon 20 Infostände organisiert und 7.100 Flyer verteilt. Ich hoffe, dass ich in der Kürze der Zeit in meinem gesamten Wahlkreis Fuß fassen kann. Bislang ist die Resonanz positiv. Viele Menschen finden es gut, dass ich jetzt schon mit meinem Wahlkampf begonnen habe und mit ihnen über aktuelle politische Fragen diskutiere.

 Mal angenommen, es gelingt Ihnen wirklich, das Direktmandat zu erobern: Warum sind gerade Sie dazu in der Lage, Ihren Wahlkreis in Berlin angemessen zu repräsentieren?

 Grundsätzlich ist Dortmund in Berlin unterrepräsentiert. Aktuell haben wir als CDU nur einen Abgeordneten. Das ist zu wenig. Aber warum ich persönlich geeignet bin? Ich denke, dass ich recht bodenständig und nahe am Menschen bin. Ich suche immer den Dialog, d.h. ich bin nicht darauf versessen, stets nur meine eigene Sicht der Dinge durchzusetzen.

 Glauben Sie, dass man so die grassierende Politikverdrossenheit im Lande bestreiten kann?

 Ja, Politiker müssen ein offenes Ohr haben. Ich kann von jedem etwas lernen, egal ob es ein Kind oder ein Greis ist. Ich bin zudem der Meinung, dass Bürger Bundestagskandidaten schätzen, die bereits Erfahrungen vor Ort gesammelt haben. Ich habe mich schon in der Bezirksvertretung und im Rat für meine Heimat eingesetzt und das nachhaltig. Darüber hinaus schätzen die Menschen meiner Meinung nach Politiker, die vernünftige und nachvollziehbare Entscheidungen treffen und ehrlich sind. Außerdem ist ein soziales Verantwortungsbewusstsein unerlässlich. Ich lasse keinen stehen. Menschen brauchen Kümmerer und ich  bin einer. Ich helfe gerne, wenn Probleme da sind.Menschen sehnen sich nach Politikern, die mit ihnen reden und zuhören können.

 Vorausgesetzt, Sie buchen nächstes Jahr Ihr politisches Ticket nach Berlin: Was denken Sie eigentlich über Ihren möglichen künftigen Arbeitsplatz?

 Ich muss zugeben, dass mich früher immer die Metropole München faszinierte. Ich habe dort ein halbes Jahr für das LKA gearbeitet. In dieser Zeit konnte ich viele Eindrücke gewinnen. Ich mochte aber nicht nur Münchens außergewöhnliches Flair, sondern auch die schöne Umgebung: Seen, Berge, Schlösser – die ganze Vielfalt Bayerns. Die Weltstadt Berlin ist jedoch ebenfalls immer eine Reise wert. Allein aus historischem Blickwinkel ist die Stadt besonders spannend. Berlin hat zudem viele Facetten: Soziale Brennpunkte neben schicken Vorzeige-Gegenden. Im Hinblick auf die Planung und Durchführung von Großprojekten – man denke an den Flughafen Berlin-Brandenburg – gibt es darüber allerdings noch „Optimierungsbedarf“.

 Wo atmen Sie am liebsten Berliner Luft?

 Ich mag den Berliner Zoo, den Ku’damm und die Currywurst. Zum Ku´damm fallen mir gleich zwei Anekdoten ein: Als ich Anfang des Jahres mit meiner Lebensgefährtin dort war, sind mir sofort die dortigen Hütchenspieler aufgefallen. Für meine professionellen Polizistenaugen war es nicht schwer zu erkennen, wer mit wem zusammenarbeitet. Allerdings blieb es nicht bei diesem Eindruck: Ich habe auch noch die örtliche Zigarettenmafia bei der Arbeit erwischt und unmittelbar die Polizei über 110  gerufen. Es kam zu einer Festnahme. Da kann ich nicht anders! Ich bin eben Polizist und der ist immer im Dienst. In dieser Hinsicht gilt wohl das Motto: Einmal Polizist, immer Polizist.

 Schlagen wir mal den Bogen zu einem grundsätzlichen Thema: Es gab in den letzten Monaten immer wieder Diskussionen über den Markenkern der CDU. Wie denken Sie persönlich darüber?

 Für mich ist es wichtig, immer alle Menschen mitzunehmen. Leider stehen aber nicht immer alle Menschen im Mittelpunkt. Wir müssen aber berücksichtigen, dass die Politik stets Dinge beschließt, die für alle Menschen in unserem Land gelten. In diesem Sinne denke ich, dass in der CDU in bestimmten Bereichen ein Umdenken stattfinden muss. Wir müssen uns auf gesellschaftliche Veränderungen einstellen.

 Heißt dies, dass konservative Werte revidiert werden müssen?

 Es kommt darauf an, welche konservativen Werte gemeint sind. Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit sind konservative Werte, die immer erhalten werden müssen. Aber wenn ich an das Thema „steuerliche Gleichstellung von Homosexuellen“ denke, muss ich sagen: Wir müssen uns annähern und verändern. Als Politiker müssen wir nämlich vernünftige Rahmenbedingungen schaffen, die es allen Menschen gestatten, ein gutes Leben zu führen. Generell gilt jedoch, dass der Begriff „konservativ“ in meinen Augen nicht negativ besetzt ist.

 Wofür steht der Begriff denn Ihrer Meinung nach?

 „Konservativ“ steht für mich für „vernunftgesteuert“. Man lässt sich von bestimmten Grundsätzen leiten. Ich habe ja gerade ein paar Tugenden genannt. Nein, „konservativ“ ist ein positiver Ausdruck, wenn er auch in seiner Bedeutung verändert werden kann. Vielleicht ist es in meinem Fall auch konservativ, dass ich zwar bestimmte Dinge aus meinem Privatleben offenlege, um als authentischer Politiker wahrgenommen zu werden, einige Dinge jedoch auch rigoros schütze.

 Nehmen wir neben der CDU auch mal die SPD mit ins Boot: Die Fragmentierung der deutschen Gesellschaft nimmt ständig zu. Sind Volksparteien vor diesem Hintergrund nicht ein Relikt von gestern?

 Nein, das denke ich nicht. Klientelparteien sind nicht die Lösung. Deutschland ist nämlich nur regierbar, wenn man für ganz Deutschland denkt. Man darf nicht nur bestimmte Bereiche sehen. Stattdessen muss man alle Probleme in seine Überlegungen einbeziehen. Eine Volkspartei ist dazu in der Lage, alles von oben zu betrachten.

 Sie sehen also keinerlei Nutzen in den Piraten oder anderen Neulingen?

 Das würde ich so nicht sagen. Neulinge wie die Piraten, aber auch Bürgerinitiativen, können belebend sein, wenn es ihnen gelingt, Volksparteien wachzurütteln. Parteien wie die CDU müssen sich immer wieder kritisch hinterfragen und gegebenenfalls neue Impulse in ihrer Programmatik verarbeiten. Wenn man sich zu lange in einem Fahrwasser befindet, merkt man irgendwann nicht mehr, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Innovationen und Novellierungen müssen gewollt und erwünscht sein.

 Was müssen „die Politiker“ Ihrer Meinung nach tun, um vor allem junge Menschen wieder für ein Engagement in Parteien zu begeistern?

 Es ist wichtig, dass man jungen Menschen zuhört und ihnen Beachtung schenkt. Außerdem ist es in Parteien notwendig, ihnen Verantwortung zu übertragen. Letzteres geschieht leider viel zu wenig. In Vorstandssitzungen oder Mitgliederversammlungen sieht es doch im Idealfall so aus: Es sitzen drei Generationen an einem Tisch. Jede Generation ist anders erzogen worden und hat andere Erfahrungen gesammelt. Mit anderen Worten: Wir treffen auf ein breit gefächertes Spektrum an Wissen. In der Politik müssen wir dafür sorgen, dass alle Altersgruppen befragt werden. Nur dann können wir einen tragfähigen Konsens bilden. Ich bin deshalb sehr froh, dass mein 20jährigerSohn Ricardo kürzlich zum ersten Mal als Beisitzer in den Vorstand seiner Ortsunion gewählt worden ist. Im Hause Hoffmann gibt es demnach keine Politikverdrossenheit unter jungen Menschen!

 Aus aktuellem Anlass: Wie stehen Sie als Polizist vor dem Hintergrund des Blutbades von Newtown zu einer möglichen Verschärfung des Waffenrechtes in den USA oder anderswo?

 Ich bin der Meinung, dass man in Deutschland, aber erst recht in den USA über eine Verschärfung des Waffenrechtes nachdenken muss. Um beim Beispiel Newtown zu bleiben: In den USA sind fraglos zu viele Waffen im Umlauf. Und diese Waffen werden mitunter in Stresssituationen schnell eingesetzt. Darüber hinaus besteht die Gefahr einer gegenseitigen Aufrüstung. Als Polizist weiß ich sehr gut, worüber ich spreche. Grundsätzlich dürfen Probleme nie mit Gewalt geregelt werden.

 Gibt es bestimmte Aktionen, die Sie in den nächsten Tagen oder Wochen durchführen möchten?

 Ja. Ich möchte demnächst Dortmunder Moscheen besuchen und mit einigen Moslems in unserer Stadt sprechen. Das Thema „Integration“ ist mir sehr wichtig. Ich denke generell, dass wir aufeinander zugehen müssen, um das Zusammenleben in unserem Land zu verbessern.

 Was wünschen Sie sich persönlich und politisch für das Jahr 2013?

 In allererster Linie wünsche ich meiner Familie und mir Gesundheit. Darüber hinaus möchte ich natürlich gerne in meinem Wahlkreis das Direktmandat für die CDU gewinnen und in den Bundestag einziehen.

 Herr Hoffmann, vielen Dank für das Gespräch!

 Am späten Nachmittag endete schließlich unser „politisches Kamingespräch ohne Kamin“. Als Interviewer war ich sowohl von der Offenheit als auch von der Leidenschaft beeindruckt, die mein Gesprächspartner in den vorangegangen Stunden an den Tag gelegt hatte. Deshalb freue ich mich bereits auf weitere Diskussionsrunden im neuen Jahr, in denen zentrale Themen, für die Thorsten Hoffmann steht, vertieft werden. Alles in allem bleibt für mich persönlich festzuhalten: Thorsten Hoffmann ist ein interessanter, im besten Wortsinne „anderer“ Politiker, der sehr viel zu sagen hat.

André Krause betreibt einen eigenen Blog: http://blog.union21.de/

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